Klarer Wettbewerbsvorteil

Sicherheit – Ein in der Tanklogistikbranche bislang einmaliges Sicherheitsinstrument hat Total Bitumen Deutschland eingeführt: einen Fahrer-Wettbewerb. Mit Nachahmern ist zu rechnen.

Von Stefan Klein

Es ist wie im Fußball: ohne Spielchen – sei es, weil man nur rumbolzt, sei es, weil im Training lange Technik- und Taktikübungen anstehen – macht es keinen Spaß. So ähnlich muss auch Jörg Bley gedacht haben, als er den Reiz des sportlichen Wettkampfs auf das Thema Sicherheit übertrug und 2013 einen "Fahrer-Wettbewerb" ins Leben rief. Hier zählen indes Punkte statt Tore.

Jörg Bley ist Gefahrgutbeauftragter bei Total Bitumen Deutschland. Das in Brunsbüttel an der Unterelbe ansässige Unternehmen ist ein führender deutscher Bitumenlieferant. Für die Herstellung wird Rohöl aus Deutschlands größter Förderstätte, der nah im schleswig-holsteinischen Wattenmeer gelegenen Mittelplat, verwendet. In der Vakuumdestillationsanlage von Total werden aus dem sehr schweren Rohöl der Mittelplate neben Bitumen auch andere Fraktionen wie Gasöle und Naphta hergestellt – wenn auch nicht zu den gleichen Anteilen wie in einer klassischen Raffinerie. Das Rohöl und die Produkte werden auf dem 40 Hektar großen Areal in 95 Tanks verschiedener Größen gelagert. Der an der Mündung des Nord-Ostsee-Kanals in die Elbe gelegene Standort verfügt zudem über sechs Schiffsanleger. "Pro Jahr betanken wir hier allein 2.000 Seeschiffe mit diversen Bunkerprodukten", so Bley.

Das Hauptprodukt am Total-Standort in Brunsbüttel aber ist, und das schon seit rund 100 Jahren, Bitumen: jener je nach Temperatur mehr oder weniger zähflüssige Stoff, der vor allem im Straßenbau aber auch im Hausbau wie etwa für Dachbahnen eingesetzt wird. Das Bitumen wird in erster Linie mit Tankkraftwagen (Tkw) abgefahren, daneben aber auch per Tankschiff und Kesselwagen. "Wir verfügen im Bitumengeschäft über keine eigenen Transportmittel wie Tankfahrzeuge", erklärt Stefan Pein, der die Stabsabteilung Health, Safety, Environment and Quality (HSEQ) von Total Bitumen Deutschland leitet. Pro Jahr verlassen mehr als 25.000 Tkw-Transporte die Ladestellen des Unternehmens, die beiden Nebenstandorte in Leuna und Webau (beide Sachsen-Anhalt) nicht mitgerechnet.

Vom Werks- in den Transportbereich

Seit mehr als einem Jahrzehnt betreibt der Bitumenproduzent ein Sicherheitsmanagementsystem, das primär auf das Geschehen im Werk bzw. die rund 200 Beschäftigten ausgerichtet ist. Die Unfallrate ist hier inzwischen auf etwa zwei Unfälle pro Million Arbeitsstunden gesunken. "Die Frage, die wir uns vor ein paar Jahren stellten, war, wie wir unseren hohen Sicherheitsanspruch auch im Transportbereich mit seinen externen Mitarbeitern umsetzen können", erzählt Pein. Die Fahrer, die im Werk ausschließlich selbst beladen, arbeiten für Tankspeditionen, die von Straßenbaufirmen oder industriellen Bitumenverarbeitern beauftragt sind. Manche Straßenbauer verfügen auch über eigene Tkw-Flotten. Die Speditionen haben für die Fahrer zwar eigene Sicherheitsinstruktionen erlassen – ebenso wie es bei Total Bitumen Deutschland schon lange Beladeanweisungen für die Bitumen-Abholer gibt. Doch inwiefern die Fahrer die offiziellen Vorgaben ihres Arbeitgebers und des Verladers in Sachen Sicherheit tatsächlich verinnerlicht und befolgt haben – darüber bestanden zumindest Unsicherheiten.

Im Jahr 2013 kam Bley schließlich auf die Idee, einen Wettbewerb für alle regelmäßig ins Werk kommenden Fahrer ins Leben zu rufen. Hilfreich dabei war, dass es sich hier – im Gegensatz zu Chemiestandorten – um einen relativ festen Kreis von 600 Fahrern aus rund 30 Unternehmen handelt. Im Wettbewerb sammeln die Fahrer zunächst durch das Ausfüllen von Fragebögen Punkte, die am Jahresende addiert werden. Pro Jahr füllen sie, zumeist gleich bei der Torabfertigung, bis zu zehn verschiedene Fragebögen rund um das Thema Sicherheit aus. Hinzu kommen zwei Bögen über Vorladeprodukte (unter den mehr als 100 Bitumensorten gibt es diverse Unverträglichkeiten) und ein Bogen über nötige Transportpapiere. Dies ergibt bei zehn Multiple Choice-Fragen pro Bogen eine maximale Punktzahl von 130. Die insgesamt 13 Fragebögen werden jedes Jahr ausgetauscht. Grundlage für die Beantwortung der Fragen sind die jährliche Sicherheitsunterweisung und unternehmensspezifische Merkblätter.

Desweiteren fließen die Ergebnisse von werksinternen Gefahrgutkontrollen gemäß 7.5.1 ADR (Unterabschnitte 1 bis 3) und von Tkw-Sicherheitskontrollen (durchgeführt vom Anlagenpersonal an den Füllstellen) in den Wettbewerb ein. Und schließlich werden auch Meldungen über eventuell sicherheitsrelevante Vorfälle honoriert. Nicht zuletzt dadurch wurden im vergangenen Jahr bei Total Bitumen Deutschland rund 120 Sicherheitsabweichungen im Transportbereich registriert – keine Unfälle, sondern Situationen, die ein gewisses Gefährdungspotenzial bargen.

Die übers Jahr im Wettbewerb gesammelten Punkte kann ein Fahrer aber auch ganz schnell verlieren: bei Sicherheitsverstößen im Werk, während der Beförderung oder in Kundenanlagen (meist Asphaltmischwerke) fängt er ohne Aussicht auf ein gutes Endergebnis wieder bei Null an.

Gute Resonanz von Anfang an

Die Teilnahme am Wettbewerb ist freiwillig. "Die Resonanz bei den Fahrern war von Anfang an sehr gut", erzählt Bley. Im ersten Jahr 2013 haben bereits 570 Fahrer, also fast alle, teilgenommen. Die besten Fünf werden am Jahresende mit Gutscheinen im Wert von insgesamt 2.000 Euro prämiert. Eine monatliche Veröffentlichung der Top Ten, also der gegenwärtig zehn besten Fahrer, in Verbindung mit kleinen Sachprämien steigert zusätzlich die Motivation.

Die HSEQ-Abteilung konnte über den reinen Wettbewerb mit seinen Prämierungen hinaus aber auch einen Mentalitätswandel feststellen. Wurden Sicherheitsanweisungen durch die Fahrer früher oft unreflektiert hingenommen, manchmal auch als "Ballast" in einem immer fordernderen Berufsfeld kaum wahrgenommen, so findet hierüber heute ein offener Austausch, ein konstruktives Miteinander statt. "Es sind definitiv Hemmschwellen gefallen", sagt Pein. Nur mit Sanktionierungen, sprich Bestrafungen, hätte man dies nie erreicht.

Es ist sicher auch dem Wettbewerb zu verdanken, dass es in den vergangenen beiden Jahren bei Total Bitumen Deutschland – einschließlich der Entladestellen der Kundschaft, für die man sich mitverantwortlich fühlt – keine Transportunfälle oder Personenschäden gab. Bitumen mag zwar "nur" ob seiner Erhitzung auf bis zu 230 °C als Gefahrgut klassifiziert sein. Unfälle mit der schwarzen Masse können aber neben einem gehörigen Umweltschaden mehr anrichten, als man gemeinhin denkt. So kam es in der Vergangenheit in der Branche ab und an zu einem Boil-over, bei dem heißes Bitumen nach Kontakt mit im Tank befindlichen Wasser durch Siedeverzug eine extreme Dampfexpansion auslöste und dann kubikliterweise aus dem Domdeckel schoss.

Wenn auch nur ein solch kostenträchtiger Unfall oder Schaden an einer Verladeanlage durch den Fahrer-Wettbewerb vermieden werden könne, dann habe sich dieser auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gelohnt, sagt Pein. Zumal sich der monetäre und organisatorische Aufwand für den Wettbewerb, der auf bereits zuvor vorhandenen (Kontroll-)Systemen aufbaut, in überschaubaren Grenzen hält.

Interesse in der Branche

Das Interesse in der Mineralöl- und Chemiebranche an dem Fahrer-Wettbewerb ist riesig. Bley, der beim Verband der Chemischen Industrie (VCI) im Arbeitskreis "Transportsicherheit" mitwirkt, erhält dazu jede Menge Nachfragen. Mit Nachahmern ist also zu rechnen, etwa in der Mineralöldistribution des Total-Konzerns.

Von Anerkennung zeugt auch, dass Total Bitumen Deutschland 2015 mit dem ersten Preis des Responsible?Care-Wettbewerbs des VCI ausgezeichnet wurde. Die Jury sah in dem Fahrer-Wettbewerb einen überzeugenden Ansatz darin, wie man "Verantwortung über das eigene Werktor hinweg" übernehme und Fremdfirmen mit einbeziehe. Darüber hinaus habe das Projekt in besonderer Weise "den Faktor Mensch berücksichtigt". Daneben erhielten Bley und Pein für ihre Idee auch noch den Förderpreis der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI).

In diesem Jahr soll der Wettbewerb auf die Fahrer ausgeweitet werden, die für internationale Kunden tätig sind. Neue Konkurrenz dürfte für einen dann noch umkämpfteren, spannenderen Wettbewerb sorgen. Schließlich gibt es ja neben den Einzelergebnissen der teilnehmenden Fahrer noch eine Mannschaftswertung: hier werden die Punkte der vier besten Fahrer einer Spedition zusammengezählt.

(aus: gela 03/16, www.gefaehrliche-ladung.de)

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