Kein gutes Jahr

Zahlen – Der Verband Chemiehandel (VCH) zog vor kurzem Bilanz für das Jahr 2015. Diese fällt durch Absatzschwierigkeiten vor allem in Übersee, aber auch durch immer mehr gesetzgeberische Hürden ernüchternd aus.

Von Stefan Klein

Der deutsche Chemiehandel konnte im Jahr 2015 nicht an die positive Entwicklung des Vorjahres anknüpfen. "Unsere Erwartungen haben sich aufgrund eines sehr enttäuschenden zweiten Halbjahrs nicht erfüllt", sagte VCH-Präsident Uwe Klass beim jährlichen Pressegespräch des Verbands Anfang April in Köln. Der Umsatz in der Branche fiel um mehr als vier Prozent auf 12,8 Milliarden Euro. Für das schlechte Ergebnis war vor allem der Bereich Außen- und Spezialitätenhandel verantwortlich, der rund sechs Prozent Umsatz verlor und nur noch 8,8 Milliarden Euro einnahm. In nahezu allen früheren Wachstumsstaaten – gerade den so genannten BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China – kämpften die deutschen Chemiehändler mit einem schwierigen Geschäft und außerdem mit gegenüber dem Euro gesunkenen Wechselkursen. Auch Märkte wie die Türkei und Polen waren schwierig.

"Sieht man von Deutschland und einigen südlichen EU-Staaten ab, die sich nach der Eurokrise wieder etwas erholt haben, dann sind derzeit die USA der einzige Treiber für Wachstum", sagte Volker Seebeck, Vorstand beim VCH sowie beim global tätigen Chemiehändler Helm. Grundchemikalien könnten in den USA durch die nach wie vor starke Öl- und vielmehr noch Gasförderung per Fracking äußerst günstig produziert werden. Somit sind dort dann die Margen beim Absatz von Chemikalien vergleichsweise hoch, was angesichts der Tatsache, dass die Chemiepreise – bedingt durch den im Lauf des Jahres 2015 stark gesunkenen Ölpreis – tendenziell ebenfalls spürbar sanken, umso wichtiger wird. "Teilweise haben wir wegen der starken Preisschwankungen unsere Absatzmengen ganz bewusst heruntergefahren", sagt Seebeck. VCH-Vorstandskollege Robert Späth, im Hauptberuf Chef der in Nürnberg angesiedelten CSC Jäklechemie, ergänzt: "Manche Kunden hatten angesichts der gefallenen Öl- und Chemika­lienpreise überzogene Erwartungen. Dafür steckt in den meisten Chemiehandelsprodukten dann doch zu viel an Innovation und Wertschöpfung."

Der Bereich des Lagerhaltenden Platzhandels verlor 2015 im Vergleich zum Außen- und Spezialitätenhandel nur 0,6 Prozent an Umsatz, hier wurden insgesamt 4,1 Milliarden Euro erlöst. Der Mengenabsatz ging etwas stärker um 1,4 Prozent auf 6,3 Millionen Tonnen zurück: Insbesondere Säuren und Laugen (– 2 %), die mengenmäßig für zwei Drittel des gesamten Absatzes stehen, sowie Lösemittel (– 3,6 %) wurden weniger verkauft, der Vertrieb von Feststoffen und Spezialitäten nahm indes um jeweils rund zwei Prozent zu.

Mehr Mitarbeiter

Bemerkenswert ist, dass im Lagerhaltenden Platzhandel trotz des insgesamt auch hier rückläufigen Absatzes neben den Lägern für flüssige Chemikalien (+ 0,4 % auf 150.500 m³ Kapazität) und den Transportfahrzeugen (+ 1,1 % auf 811 Lkw) auch die Zahl der Beschäftigten zunahm (+ 2,4 % auf 5.084). Sogar im Außen- und Spezialitätenhandel, wo ein Mitarbeiter im Durchschnitt deutlich mehr Umsatz generiert, nahm die Zahl der Arbeitsplätze zu (+ 0,5 % auf 2.205). "Wir brauchen immer mehr Mitarbeiter, weil neben umfangreicher Qualifikation und intensiver Kundenberatung, welche unsere immer höherwertigeren Produkte nötig machen, ständig gesetzgeberische Vorgaben hinzukommen", so Klass. "Wir haben heute Abteilungen – gerade rund um das Thema Compliance –, die gab es vor zehn Jahren noch nicht."

Zu den steigenden regulativen Vorgaben zählt etwa die EU-Chemikalienverordnung Reach, bei der für Hersteller/Importeure 2018 die nächste Registrierungsstufe ansteht (dann für Stoffe zwischen 1 und 100 Tonnen Produktions- bzw. Importmenge), sowie die zunehmend greifende EU-Biozidverordnung. Hierdurch werden nach Einschätzung des VCH etliche Produkte vom Markt verschwinden, etwa in den Bereichen Schwimmbadchemikalien, Wasch-/Reinigungsmittel oder Pflanzenschutz. "Zudem sind die Fachabteilungen vieler Unternehmen fast nur noch mit diesen Zulassungsverfahren beschäftigt", so VCH-Geschäftsführer Peter Steinbach. "Die Entwicklung neuer, innovativer Produkte wird behindert."

Daneben wird es für die Unternehmen durch ein verschärftes Immissionsschutzrecht – insbesondere durch die im Entwurf des Bundesumweltministeriums vorliegende nationale Umsetzung der Seveso-III-Richtlinie – immer schwieriger, überhaupt ihre Standorte zu betreiben. Die Produkte werden auf dem Papier immer gefährlicher, die geforderten Abstände zur Wohnbebauung immer größer. "Die derzeit bekannten Entwürfe sehen vor, dass dabei der Standortbetreiber selbst für die Einhaltung der Mindestabstände verantwortlich ist, auch wenn diese in einem historisch gewachsenen Umfeld durch die verschärfte Gesetzgebung plötzlich nicht mehr gegeben sind oder wenn benachbarte schutzwürdige Objekte wie Schulen später errichtet wurden", ergänzt VCH-Geschäftsführer Ralph Alberti.

Trend zur Digitalisierung

Auch die Chemiehandelsbranche verzeichnet einen Trend zur Digitalisierung: man muss dem Kunden heute neben klassischen Kommunikationswegen wie dem Anruf (mit dem sich sicherlich manche Absprachen immer noch mit dem geringsten Aufwand treffen lassen) auch die digitalen (Vertriebs-)Möglichkeiten bis hin zum Web-Shop anbieten. Die Digitalisierung hat dabei ein anderes Phänomen befördert: dass Kunden den Chemiehandel auf Basis firmeneigener, branchenspezifischer oder allgemeiner Bewertungs- und Zertifizierungssysteme mit Fragebögen geradezu torpedieren – nicht zuletzt, um sich damit gegenüber Haftungsansprüchen ihrer eigenen Kunden abzusichern. Auch die Lieferanten des Chemiehandels sind in diese "Dauerbefragung" eingebunden, die es ohne E-Mail, PDF und elektronische Auswertung nicht in dem Maße gäbe.

Außerdem wird der Chemiehandel wiederum von seinen (Chemikalien-)Lieferanten befragt. Hier hat sich mit "Distributors/ESAD" als ein Modul des Safety and Quality Assessment Systems (SQAS) in den vergangenen Jahren immerhin ein Standard gebildet. Insofern zeigt sich der VCH sehr unglücklich darüber, dass mit der 2011 von sechs großen Chemieunternehmen gegründeten Initiative "Together for Sustainability" (TfS) ein weiteres, rein online-basiertes Auditsystem eingeführt wurde. "ESAD und TfS unterscheiden sich dabei nur durch sechs zusätzliche Fragen, aber niemand sagt, welche das sind", so VCH-Vorstand Thorsten Harke. Hier wünscht sich der Verband eine Vereinheitlichung.

20 Jahre Responsible Care

In diesem Jahr sieht der VCH auf das 20-jährige Jubiläum der Einführung der globalen "Responsible Care"-Initiative zurück. "Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern ist die Teilnahme unsere Mitgliedsfirmen daran freiwillig, man ist also nicht allein wegen der Verbandsmitgliedschaft auch Responsible Care-Mitglied", erklärt Klass. Dafür müssten die Unternehmen nach einer Teilnahmeerklärung aber auch kontinuierliche Verbesserungsmaßnahmen in Sachen Qualität, Sicherheit und Nachhaltigkeit festlegen und sich nach drei Jahren durch einen unabhängigen Auditor bestätigen lassen. Für den kontinuierlichen Verbesserungsprozess können Details aus der ESAD-Bewertung genutzt werden.

Derzeit nehmen 71 der 102 Mitgliedsfirmen des VCH an Responsible Care (RC) teil, sie stehen für etwa 90 Prozent des Marktvolumens im deutschen Chemiehandel. Im Durchschnitt der letzten Jahre verzeichneten die RC-Unternehmen rund 115 meldepflichtige Arbeitsunfälle pro Jahr, dabei standen jeweils nur gut 20 Unfälle in einem branchenspezifischen Zusammenhang, sind also auf Chemikalieneinwirkung zurückzuführen. Der Chemikalienumschlag betrug zuletzt 2,3 Millionen Tonnen im Jahr. Die RC-Firmen mit eigenem Fuhrpark kamen im Durchschnitt der letzten Jahre auf jährlich rund 17 Millionen Kilometer, dabei ereigneten sich Jahr für Jahr etwa 40 Verkehrsunfälle, davon aber nur ein bis vier Unfälle mit Personenschaden.

(aus: gela 05/16, www.gefaehrliche-ladung.de)

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