Die dürren Jahre kommen

Branchenbericht – In der europäischen Tanklogistik muss man derzeit mit einer stagnierenden Nachfrage aus der Chemieindustrie auskommen. Hierfür verfolgen die Unternehmen verschiedene, aber doch ähnliche Strategien.

Von Stefan Klein

Die jüngste Bilanz der deutschen Chemieindustrie fiel ernüchternd aus: im ersten Halbjahr 2016 stagnierte die Produktion, der Umsatz sank um 3,5 Prozent. Die Geschäfte der drittgrößten Branche Deutschlands laufen nicht rund, konstatierte der Verband der Chemischen Industrie (VCI) selbst. Bereits 2015 stagnierte der Umsatz wegen gefallener Herstellerpreise bei noch leicht gestiegener Produktion. Und die Aussichten sind wegen der Gemengelage aus niedrigem Ölpreis, schwachem Euro, Brexit und starken Schwankungen bei Rohstoffen und Währungen alles andere als gut.

Die jüngsten Produktionsrückgänge betrafen vor allem anorganische Grundchemikalien (einschließlich Düngemittel und Industriegase) sowie die Petrochemie. "Der Importdruck hat deutlich zugenommen, gerade in den Grundstoffsparten", sagt VCI-Präsident Marijn Dekkers. Noch ist Deutschland in Sachen Chemie Exportweltmeister, doch im Teilbereich Petrochemie sorgten steigende Importe und rückläufige Exporte nun erstmals seit langem für ein Außenhandelsdefizit. Die Produktion von Petrochemikalien in Deutschland ging seit 2011 um 4 Millionen Jahrestonnen bzw. 6 Prozent zurück. "Die strukturellen Veränderungen in den USA, China und Saudi-Arabien, die dort zu niedrigen Energie- und Rohstoffkosten sowie einem massiven Aufbau von Produktionskapazitäten geführt haben, wirken bis ins Herz Europas", so Dekkers. Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, wo es derzeit keinerlei Wachstumsimpulse gebe, bröckelt.

Klagen seit Jahren

Dies sind für die Chemielogistiker beunruhigende Nachrichten. Seit Jahren klagen sie über geringe Margen in einem wettbewerbsintensiven Marktumfeld. "Es kann den Kunden gar nicht billig genug sein", sagt Armin Buchner von der Georg Buchner Internationale Spedition aus Fürth, stellvertretend für viele.

Durch den niedrigen Öl- bzw. Dieselpreis lässt sich das Transportgeschäft derzeit kostenneu­tral betreiben, erklärt Heinz Fritz von ETT Ehrhardt Tank-Transporte aus Mannheim. Bleibt der Ölpreis niedrig, sieht er die Gefahr, dass die Chemieverlader erhebliche Frachtnachlässe verlangen.

"Dabei haben wir derzeit mit höheren Personalkosten durch die jüngsten Tarifabschlüsse sowie mit höheren Mautkosten zu kämpfen", so Thorsten Zizmann von der Zizmann Spedition aus Leimen (Baden-Württemberg). Höhere Preise zu erzielen, sei zum jetzigen Zeitpunkt aber unmöglich. Aus Verladersicht seien diese Mehrkosten ja durch die gesunkenen Kraftstoffkosten kompensiert.

"Kostendeckende Preise sind aktuell nur schwer zu erzielen", sagt auch Wolfgang Siepmann, Chef der Duisburger Tankspedition A. Siepmann. "Wir versuchen, dieser Situation durch weitere, wenn auch nur noch schwer zu realisierende Kosteneinsparungen und Effizienzsteigerungen zu begegnen." Zudem konzentriere man sich auf bestimmte Produkte und Relationen.

Das Transportangebot zu diversifizieren, ist auch die Reaktion der Blüggel Spedition auf die derzeitige Marktlage. Grundsätzlich befördert das Unternehmen aus Hamm die volumenträchtigen Klassen 3, 6, 8 und 9.

Bei RatLogistics aus Mannheim hat man festgestellt, dass die Kunden allgemein mehr Wert auf Qualität legen. "Dann sind einige auch bereit, mehr zu zahlen", so Eike Frerichs, Bereichsleiter Operations "Man muss den Qualitätsnachweis aber auch schwarz auf weiß erbringen."

Der Markt verlange nach immer komplexeren, intermodalen Logistiklösungen einschließlich Zwischenlagerung, erklärt Aleksandra Roericht von Ermefret.

Zusammenfassend lässt sich aus der kleinen Umfrage unter klein- bis mittelständischen Chemielogistikern sagen: Es geht für die Branche im Angesicht eines starken, sehr preisintensiven Wettbewerbs darum, sich durch Spezialisierung, Diversifizierung, Qualität und besondere Logistiklösungen hervorzuheben. Dies bestätigt auch eine aktuelle Analyse des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens KPMG (siehe Info-Kasten), die indes eher auf die großen, international tätigen Tanklogistikunternehmen fokussiert.

Pläne der Großen

Den größeren Logistikern fällt eine Spezialisierung dabei grundsätzlich leichter – allein weil sie über eine umfangreiche Fahrzeugflotte einschließlich Tankcontainern verfügen. Letztere werden von der Chemieindustrie immer öfter als flexible Zwischenläger (anstatt eigener, stationärer Tanks) genutzt.

"Wie in Deutschland ist derzeit in ganz Europa kein spürbares Wachstum der Chemieindustrie zu erwarten", sagt Roland Pütz, Leiter des Geschäftsbereichs Chemilog bei Hoyer. Trotz der anhaltenden Stagnation der Industrie und trotz des niedrigen Dieselpreises hat das Unternehmen mit Hauptsitz in Hamburg 2015 ein leichtes Umsatzplus in der Chemielogistik erzielt. 2016 wolle man stärker als der Markt wachsen, so Pütz. Hierfür setzt Hoyer auf intelligente Konzepte, wie etwa den seit diesem Jahr operierenden Geschäftsbereich Netlog, in dem das Unternehmen sein Asset-Management bündelt, oder Tankcontainer aus leichtem Composite-Werkstoff.

Bei Imperial Logistics hat man die Chemielogistikaktivitäten, die man durch die 2012 erfolgte Übernahme von Lehnkering in den Konzern bekam, im vergangenen Jahr in der Geschäftseinheit "Chemicals" neu geordnet. Seitdem konnten die Duisburger in der jüngeren Vergangenheit einige neue Ausschreibungen gewinnen. 2016 will Imperial die Kapazitäten weiter ausbauen, um der nach eigener Aussage hohen Nachfrage nach Mehrwertdienstleistungen sowie Lagerflächen für Gefahrstoffe nachzukommen. Imperial ist in Deutschland mit großem Abstand größter Anbieter für die Lagerung verpackter Gefahrgüter, an den Standorten werden auch Services wie das Abfüllen aus Transporttanks angeboten.

Zur Spezialisierung gehört auch, dass man sich von Unternehmensteilen trennt – etwa wenn diese keine zufriedenstellenden Margen erwirtschaften. So hat Talke vor kurzem seine belgischen und niederländischen Logistik-Standorte und -Aktivitäten an Katoen Natie mit Sitz in Antwerpen verkauft. "Das Divestment ist Teil eines Programms zur Optimierung unseres Standortportfolios, in dessen Rahmen wir uns von Niederlassungen trennen, die sich nicht länger in die Standortstrategie einfügen", heißt es bei dem in Hürth bei Köln ansässigen Chemielogistiker. Im Gegenzug will Talke nun sein Geschäft in anderen Teilen Europas, dem Mittleren Osten, Asien und den USA verstärken – dort, wo die Petrochemie brummt.

(aus: gela 09/16, www.gefaehrliche-ladung.de)

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