Blick über den Tellerrand

Nahost – Bislang gilt die Golf-Region nicht als Hotspot für Gefahrgutexperten. Doch Industrie-Initiativen rücken das Thema Transportsicherheit in den Fokus. Ein Report von der 7. GPCA Supply Chain Conference.

Von Emilia Poljakov

Die Golfregion hat in den vergangenen drei Jahrzehnten eine beispiellose Metamorphose vollzogen, jedoch bleibt der Umbau vom einstigen Rohstofflieferanten zum komplexen Wirtschaftsstandort mit enormen Herausforderungen verbunden. Daher stand für die rund 350 Teilnehmer der diesjährigen GPCA Supply Chain Conference, die vom 3. bis 5. Mai 2015 in Dubai stattfand, die Frage im Mittelpunkt, welchen Aufgaben sich die Chemische Industrie bis zum Jahr 2020 stellen muss, um die erreichten Erfolge auch nachhaltig zu sichern.

Veranstalter des Branchentreffens ist der Industrieverband der Chemischen Industrie im Arabischen Golf, die Gulf Petro­chemical and Chemical Association (GPCA). Die noch recht junge Organisation wurde 2006 gegründet und vertritt heute mehr als 240 Mitgliedsunternehmen, die gemeinsam über 95 Prozent der Branchenerzeugnisse herstellen.

Aufgrund ihrer zentralen geographischen Lage sieht sich die Golfregion als Bindeglied zwischen den alten Märkten Europas und den (künftigen) Wachstumsmärkten in Fernost, Indien und Afrika. Entsprechend international präsentierte sich die Riege der Vortragenden, der neben Vertretern der Industrie vor Ort auch Sprecher aus den USA, Europa und Nordafrika angehörten.

Um den Austausch zwischen Rednern und Auditorium lebhafter zu gestalten, hatten sich die Veranstalter der Konferenz für ein abwechselndes Konzept aus Vorträgen und Podiumsdiskussionen entschieden. So wurden jeweils drei Vorträge in einer "Session" zusammengefasst, an deren Ende sich eine Diskussionsrunde anschloss. Fragen konnten dabei nicht nur per Handzeichen, sondern auch via Twitter an den Moderator gestellt werden.

Neue Drehscheibe für See und Luft

Den Auftakt der Konferenz bildete ein Besuch des Tiefseehafens Jebel Ali Port, der sich stolz als größter Containerhafen zwischen Rotterdam und Singapur bezeichnet. Tatsächlich beeindruckt der größte künstlich angelegte Seehafen der Welt mit seinen Ausmaßen: an den gegenwärtig 26 Liegeplätzen kann jedes Containerschiff geladen oder gelöscht werden – auch für sämtliche geplante Super-Containerschiffe werden adäquate Liegeplätze vorhanden sein, versichert der Betreiber DP World.

Natürlich spielt auch hier der Umschlag von gefährlichen Gütern eine wachsende Rolle und so konnten aufmerksame Beobachter während der geführten Busrundfahrt über das Hafengelände zahlreiche, überwiegend vorschriftenkonform gekennzeichnete Gefahrgutcontainer der verschiedensten Gefahrklassen erspähen.

1979 im ehemaligen Küstenort Jebel Ali 40 km vor den Toren Dubais eröffnet, ist der Hafen mittlerweile Teil der Wüstenmetropole und liegt heute nur wenige Kilometer vom neuen Dubai World Central International Airport entfernt. Dieser bislang teileröffnete Großflughafen soll nach Willen seiner Bauherren im Laufe der kommenden Jahre zu einem der geschäftigsten Flughafendrehkreuze weltweit werden. Doch auch wenn bis zur geplanten Fertigstellung 2030 noch viel zu tun ist und bislang vornehmlich Frachtmaschinen und einige Billigflug-Airlines Dubais zweiten Flughafen nutzen, so ermöglicht der Dubai Logistics Corridor mit einer Zollfreizone zwischen Flughafen und Seehafen bereits heute einen konkurrenzlos schnellen Frachtumschlag von Schiff zu Flugzeug in unter einer Stunde.

Neben dem Hauptgeschäft des Containerumschlags befinden sich auf dem Gelände des Port Jebel Ali auch zahlreiche Logistik-Lagerflächen, inklusive Kühl- und Tiefkühllägern und ein Tank-Terminal mit 11 weiteren Liegeplätzen.

Gleiche Rechte, gleicher Lohn

Weiterer Schwerpunkt des Einführungstages war die Frage, wie verstärkt einheimischen weiblichen Fach- und Führungskräften Berufsperspektiven in der Chemie- und Logistikbranche eröffnet werden können. Im Mittelpunkt des Workshops "Woman Empowerment in the GCC" stand dabei die Präsentation einer Studie, die die GPCA gemeinsam mit dem Consulting-Unternehmen Accenture erarbeitet hat. Für diese haben die Meinungsforscher zahlreiche Umfragen und Interviews in Chemieunternehmen unterschiedlicher Größe geführt und ihre Ergebnisse mit Handlungsempfehlungen versehen.

Neben regionalspezifischen Schwierigkeiten, wie beispielsweise der Erreichbarkeit des Arbeitsplatzes für Mitarbeiterinnen in Saudi-Arabien, wo Frauen das Führen von Fahrzeugen untersagt ist, finden sich in dem Bericht auch zahlreiche Forderungen und Anregungen, die auch in Europa zu den viel diskutierten Dauerbrennern für mehr Frauen in industrienahen Arbeitsplätzen zählen. So zeigen sich die Autoren überzeugt, dass vor allem über ein gezieltes Karrieremarketing in Industrieunternehmen sowie durch praxisbezogene Ausbildungs- und Studienangebote vermehrt Bewerberinnen gewonnen werden können.

Dass Best Practices auch aus jungen Märkten kommen können, wird beim Thema Lohngleichheit deutlich: Nach den aktuellen Erhebungen des Weltwirtschaftsforums im Global Gender Gap Report 2014 belegen die Golfstaaten Katar (3. Platz), die Vereinigten Arabischen Emirate (7. Platz) oder auch Oman (21. Platz) Spitzenpositionen im Bereich der Lohngleichheit zwischen Männern und Frauen, während sich Deutschland bei diesem Bewertungskriterium mit einem mageren 80. Platz zufrieden geben muss.

ADR mit Vorbildfunktion

Am letzten Konferenztag stand schließlich das Thema Gefahrgutvorschriften im Fokus. Hier stellte sich zunächst die Frage, welche Auswirkungen sowohl das bisherige Wachstum als auch die angepeilten zukünftigen Entwicklungsziele der Region auf die Gefahrgutbeförderung haben werden. Unstrittig haben sowohl die Erhöhung der Produktionsmengen als auch die voranschreitende Produktdiversifikation zu einer deutlichen Steigerung des Gefahrgut-Transportvolumens in den Golfstaaten geführt. Doch während Produktionsabläufe in der Region in modernen Chemieanlagen stattfinden und in der Regel durch international anerkannte Arbeitsschutz- und Qualitätsmanagementsysteme eng überwacht werden, hat die Vorschriftenentwicklung in Hinblick auf die Güterbeförderung nicht Schritt gehalten.

Bemerkenswerterweise ist es vor allem die Industrie, die das Fehlen einheitlicher gesetzlicher Transportvorschriften als Mangel auffasst und über die Einführung branchenweiter Standards die Sicherheitslage verbessern will. Ein Meilenstein für diese Bemühungen ist die kürzliche Einführung des Gulf SQAS-Assessments für die Bereiche Transport und Lagerung. Ziel der Initiative ist es, auch in der Golf-Region einen einheitlichen Maßstab zur Beurteilung der Aspekte Gesundheit, Arbeitsschutz, Sicherheit, Umweltschutz und Qualität (HSSEQ) bei der wachsenden Zahl der Logistikdienstleister vor Ort zu schaffen. Unterstützung erfährt das Vorhaben durch etablierte Chemielogistikspezialisten wie Talke. Das Unternehmen nahm Anfang 2015 an einem Pilotprojekt der GPCA teil und hat erfolgreich erste Assessments nach SQAS Warehouse-Standard in Dubai und Katar durchlaufen.

Da es sich um eine Adaption des europäischen SQAS handelt, bezieht sich ein Großteil der Fragen zur Gefahrgutbeförderung auf die Erfüllung der ADR-Transportvorschriften.

Doch nicht nur die Einführung des Gulf SQAS spricht für eine Implementierung des ADR in den Golfstaaten – tatsächlich sind die Hürden für die lokale Wirtschaft weniger hoch, als man zunächst zu glauben vermag:

Die Petrochemische und Chemische Industrie im Arabischen Golf produziert den Löwenanteil ihrer Güter für den Exportmarkt, aktuell liegt der Anteil der Exportgüter bei über 80 Prozent der Gesamtproduktion. Der Umschlag dieser Güter erfolgt in aller Regel mit dem Schiff, in selteneren Fällen auch mit dem Flugzeug, wo IMDG-Code bzw. ICAO-TI vollumfänglich anwendbar sind. Daher arbeiten viele Unternehmen vor Ort momentan mitnichten in einem rechtsleeren Raum, wenn es um die Beförderung gefährlicher Güter geht – vielmehr stellen die fehlenden Straßentransportvorschriften einen der wenigen unregulierten Rechtsbereich in der Logistikkette dar.

So ist es wenig verwunderlich, dass sich im Dialog mit Kollegen und Experten vor Ort in aller Regel eben nicht multimodal anwendbare Vorschriftenbereiche wie etwa die Klassifizierung oder die Verwendung geeigneter Verpackungen als klassische Problemfelder darstellen, sondern straßentransport-spezifische Anforderungen wie die Beschaffenheit der Lkw oder das Dauerbrenner-Thema Ladungssicherung Schwierigkeiten bereiten.

Darüber hinaus besteht im ADR-Raum ein großer Erfahrungsschatz hinsichtlich der Einführung der Gefahrgutvorschriften in neuen Mitgliedsländern und auch die Gefahrgutvorschriften selbst ermöglichen beispielsweise durch Übergangsvorschriften oder Multilaterale Vereinbarungen, dass die benötigte Flexibilität in der Anfangsphase gewährleistet ist.

Auch wenn es bis zu einer tatsächlichen Implementierung des ADR auf der Arabischen Halbinsel noch ein weiter Weg ist, ist doch das Interesse der Industrie an weitreichenden Verbesserungen im Hinblick auf die Transportsicherheit groß. Zukünftig wird es daher vor allem darum gehen, Chemie- und Logistikunternehmen mittels konkreter Handlungshilfen aufzuzeigen, wie die Anforderungen des ADR schrittweise umgesetzt werden können. Die erste Gelegenheit hierzu bietet sich bereits am 2. und 3. September dieses Jahres, wenn der erste GPCA Gefahrgutworkshop in Dubai stattfindet – Sie sehen, man sollte die Region im Auge behalten.

(aus: gela 06/15, www.gefaehrliche-ladung.de)

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