Der VCI zieht nach dem ersten Halbjahr 2026 eine ernüchternde Bilanz. VCI-Präsident Markus Steilemann und VCI-Geschäftsführer Wolfgang Große Entrup stellten die Zahlen vor.
(mk) „Welches wirtschaftliche Potenzial sehen wir in Deutschland und Europa?“ Mit dieser Frage eröffnete Markus Steilemann am 16. Juli 2026 die Halbjahrespressekonferenz 2026 des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI). Die Bilanz falle laut Steilemann enttäuschend aus. Die Produktion habe im ersten Halbjahr rund 3 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres gelegen, die Erzeugerpreise sollen bei 2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gelegen haben und der Gesamtumsatz sei um 1 Prozent gesunken. Der Gesamtumsatz der Branche habe im ersten Halbjahr dieses Jahres 106 Milliarden Euro betragen. Im Bereich Produktion sei die Entwicklung in allen Sparten rückläufig gewesen, besonders im Hinblick auf die Produktion von energie- und rohstoffintensiven Chemikalien. Für das Gesamtjahr 2026 erwartet der VCI ein Produktionsminus von 1,5 Prozent. Da die geopolitische Lage nach wie vor volatil sei, gebe der Verband keine Prognose für Preisentwicklung und Umsätze ab.
Auf den ersten Blick scheine sich die Lage zwar etwas stabilisiert zu haben – Einzelunternehmen berichteten von besser gefüllten Auftragsbüchern, und Produktion, Umsatz sowie Kapazitätsauslastung zeigten im Vergleich zum schwachen zweiten Halbjahr 2025 saisonbereinigt leicht nach oben. Steilemann betonte jedoch, dass diese Entwicklung vor allem auf die veränderte geopolitische Lage zurückzuführen sei: Infolge der kriegerischen Auseinandersetzungen am Persischen Golf hätten Unternehmen Läger aufgefüllt, um Produktionsausfälle zu vermeiden. „Vorratskäufe sind kein Wachstum. Sie verlagern Nachfrage lediglich nach vorne“, so Steilemann. Der VCI spreche daher nicht von einer Trendwende, sondern von einer Atempause.
Steilemann mahnte, den Blick über die kurzfristigen Quartalszahlen hinaus zu richten. Die entscheidende Frage laute nicht, wie viel Chemie im ersten Halbjahr produziert worden sei, sondern wo investiert werde. Eine aktuelle McKinsey-Studie zeige, dass die produktiven Nettoinvestitionen in Deutschland 2024 nur noch rund 0,2 Prozent des Wirtschaftswachstums betragen hätten – Schlusslicht unter 34 Industrie- und Schwellenländern. Zum Vergleich: In der EU habe der Wert bei 2 Prozent gelegen, in den USA bei 4 und in China bei 23 Prozent.
Drei Felder, in denen der VCI Forderungen an die Politik stellt, benannte Steilemann. Erstens: Der Reformkurs der Bundesregierung gehe in die richtige Richtung, habe aber bislang wenig erreicht. Bürokratieabbau, kapitalgedeckte Altersvorsorge und steuerliche Entlastungen seien ein Signal, aber kein Zukunftspakt. Gleichzeitig dürften keine neuen Belastungen entstehen – wie etwa durch das geplante Krankenkassen-Sparpaket, das ausgerechnet forschungsintensive Pharmaunternehmen treffe.
Zweitens: Beim Europäischen Emissionshandel (ETS) lehnte Steilemann eine weitere Verschärfung klar ab. Die versprochenen Voraussetzungen – ausreichend günstiger Grünstrom, Wasserstoffversorgung und CO₂-Infrastruktur – seien nicht erfüllt. Trotzdem werde die Zertifikatmenge weiter verknappt und die freie Zuteilung reduziert. Das treffe die Grundstoffindustrie existenziell. Eine Verschärfung des ETS werde weder Leitungen bauen noch Wasserstoff verfügbar machen, wohl aber Produktion, Wertschöpfung und Arbeitsplätze ins Ausland verlagern – ohne einen globalen Klimagewinn.
Drittens: Im Verhältnis zu China mahnte Steilemann eine nüchterne und ausgewogene Haltung an. China baue Produktionskapazitäten massiv aus, erhalte laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) den weltweit größten Anteil staatlicher Subventionen für die Chemieindustrie und dränge zunehmend auf die Weltmärkte. Europa müsse sich dort schützen, wo es die eigene Resilienz erfordere, zugleich aber offen für Handel und Kooperation bleiben – denn China sei auch der wichtigste Chemiemarkt der Welt.
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